"Die apokalyptische Frau" Marianische Deutung der Johannesoffenbarung (Offb 12) in Theologie und Kunst

Rubrik: Tage der Bildung

Die Offenbarung des Johannes stellt den abschließenden Text des Neuen Testamentes dar - diese finale Position in der Heiligen Schrift entspricht auch ihrem Inhalt und Charakter. Voller Bilder und Gleichnisse erscheint dieser apokalyptische Text, der keine konkrete Ansage des Weltuntergangs sein möchte, aber eine geistlich-symbolische Betrachtung des Schicksals von Welt und Christentum, in durchaus dramatischen Bildern.
Im zwölften Kapitel der Johannes-Offenbarung (Offb 12) finden wir das Bild der "Apokalyptischen Frau", ein "Signum magnum", eine Frauengestalt mit kosmischen Attributen: mit der Sonne bekleidet, einen Kranz von zwölf Sternen um das Haupt, den Mond zu ihren Füßen. Es ist eine mütterliche Frau, ihr Kind wird vom Widersacher in Gestalt eines Drachen bedroht; doch der himmlische Vater und seine Engel bringen Rettung.
Diese "Apokalyptische Frau" hat die Theologie grundsätzlich auf das Schicksal der Kirche in der Welt hin gedeutet. Durch die innere Verbundenheit der Kirche mit der Mutter Jesu, wie sie mit den Marientiteln "Urbild der Kirche" (Ambrosius) und "Mutter der Kirche" (II. Vatikanum / Paul VI.) ausgedrückt werden, gab es seit dem Frühmittelalter eine zunehmend marianische Deutung der "Apokalyptischen Frau", nicht exklusiv, aber in Würdigung der Ambivalenz der mütterlichen Gestalt. Im Spätmittelalter wurde die marianische Deutung von Offb 12 dominierend und mit dem 15. Jahrhundert trat in der darstellenden Kunst ein Marientypus hervor, der sich direkt von Offb 12 herleitet: eine stehende Mariengestalt im blauen Mantel, einen Sichelmond zu Füßen, einen Sternenkranz um das Haupt, von einem Sonnenkranz umgeben. Diese "Strahlenkranz-" bzw. "Sichelmondmadonna" war in Europa und der Neuen Welt jahrhundertelang der verbreiteste Darstellungstyp der Gottesmutter. In der Barockzeit wurde dieser Typus variiert durch das Motiv der "Maria Immaculata" - das Motiv der "Unbefleckten Empfängnis" sowie der "Aufnahme in den Himmel" kamen hinzu.

Die wissenschaftliche Exegese blieb durch die Zeiten hindurch zurückhaltend bei der marianischen Interpretation von Offb 12 und betonte die ekklesiologische Deutung der "Apokalyptischen Frau". Diese Haltung fand schließlich ihren Niederschlag im großen Marientext des Zweiten Vatikanums, dem Schlusskapitel der Kirchenkonstitution "Lumen gentium" (LGV VIII); darin werden einige klassisch mariologisch bevorzugte Bibelstellen nicht beachtet, so auch Offb 12. Der marianischen Deutung der "Apokalyptischen Frau" ist zwar die lehramtliche Bestätigung versagt geblieben, doch ihre Wirkungsgeschichte ist enorm und vielfältig, in Kunst und Theologie - ihr wollen wir beim Wochenendseminar in Johannistal nachgehen, anhand von Bildern und Texten sowie bei einer kleinen Exkursion.
Pfarrvikar Dr. Achim Dittrich, Priester der Diözese Speyer, hat sich 2009 in Bonn im Fach Dogmatik promoviert, mit der umfangreichen Arbeit "Maria, die Mutter der Kirche - Geschichte und Bedeutung eines umstrittenen Marientitels". Der Mariologe hatte bereits in seiner Münchener Lizentiatsarbeit sich mit einem marianischen Thema beschäftigt (Mariologie und Protestantismus, 1998). Seit 2020 arbeitet er mit halber Stelle in Regensburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutum Marianum und betreut die Digitalisierung und Aktualisierung des sechsbändigen Marienlexikons, das 1994 von den Professoren Leo Scheffcyzk und Remigius Bäumer herausgegeben worden ist. Durch ein Buchprojekt über die Regensburger Hausmadonnen hat er sich in den vergangenen Jahren auch kunstwissenschaftlich mit der Mariologie eingehend beschäftigt.
Das Seminar ist für an Theologie und Kunst interessierte Personen gedacht, die die Muße aufbringen, sich intensiv mit Mariendarstellungen in Text und Bild zu beschäftigen. Es ist spannend, die Figur bzw. das Bild der Madonna genauer zu betrachten und die theologisch-spirituellen, manchmal auch gesellschaftspolitischen Hintergründe zu erfahren.

Referent(en)

Dr. Achim Dittrich

Dr. Achim Dittrich, geboren 1970 in Landau in der Pfalz, nach Abitur und Wehrdienst Studium der Kommunikationswissenschaft und Geschichte in Münster, der Theologie in Rom und München...
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Termin

21.10.2022 18:00 Uhr23.10.2022 13:00 Uhr

Preis

Übernachtung und Verpflegung: 121,00 € - 2 ÜN / VP / EZ
Kursgebühr: 40,00 €